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Karim Noureldin

Über eine Länge von gut dreizehneinhalb Metern breitet sich „Des“, ein großes, gewebtes Textilobjekt, im Raum des zweiten Obergeschosses aus. Trotz seiner monumentalen Ausmaße ist die Arbeit von einer zeitlosen Schlichtheit. Etwas über dem Boden, auf einer Platte ruhend, wirkt das Baumwolltextil leicht dem Raum entrückt. Die Arbeit muss in seiner Länge umlaufen werden. Dabei folgt man Schritt für Schritt den teils gebrochenen, teils asynchronen Linien, die sich in diagonalen Richtungen über die Breite des Bodenobjekts erstrecken. Kräftige, aber auch zarte Grün- und Blautöne sind dafür mit Baumwollfäden eingearbeitet worden.

Wie ein Echo hallen die Papierarbeiten an der Wand dem Bodenobjekt nach. In ihnen dominiert gleichermaßen die Linie, die als zentrales Motiv im Schaffen, des Schweizer Künstlers Karim Noureldin, gelten kann. Die vielen, dicht aneinander gesetzten Buntstiftstriche entwickelt er zu einer feinen Struktur. Von diesem nuancierten Spiel lebt auch die Tapisserie, bei der sich unzählige Fäden zusammen ein Bild ergeben.

Bildteppiche haben eine lange Tradition in der Kulturgeschichte Europas und Asiens. Im indischen Pānīpat, wo das Handwerk noch beherrscht wird, ließ Noureldin das Textil anfertigen. Es liegt in Natur des Mediums, einem Raum hinzugefügt zu werden, ähnlich einem Gemälde. Doch „Des“ beschränkt sich nicht auf die Funktion eines Bildträgers. In ihrem Zusammenspiel ergeben das Textilobjekt und die Zeichnungen eine auf die Architektur abgestimmte Raumsituation.

Marie-Luise Heske

MKK

Hängen Teppiche im Museum nicht eigentlich immer an den Wänden? Warum liegt Deiner am Boden?

KN

Nicht unbedingt…in vielen Ausstellungen werden sie so gezeigt, wie sie ursprünglich konzipiert wurden, als Bodenobjekt. Vor einigen Jahren sah ich die Werke von Sonja Delaunay in Paris, und letztes Jahr jene von Anni Albers in London, beides wunderbare Künstlerinnen. Wie bei Werken in historischen Gebäuden, des Bauhaus zum Beispiel, oder in anderen Räumen und Gebäuden werden textilen Artefakte auch horizontal gezeigt.

Um es genauer zu beantworten, beides ist möglich. Aber oft wird aus museumstechnischen Gründen die Wandhängung vorgezogen, auch wenn es ursprünglich ein Bodenobjekt war.

Historisch waren die gestickten „Tapisserien” sehr wohl als Wandbehänge konzipiert und in europäischen Schlössern und Häusern gebraucht worden, jene Textilien an Wänden waren eine frühe Form der Gattung der Tapete, die heute meist nur noch aus Papier besteht, manchmal noch aus Seide oder Samt.

Aber genauso wurde das textile Element am Boden gezeigt, benutzt und auch ausgestellt. Als kulturelles Objekt steht das Textil am Anfang aller menschlichen Kulturen, als Kleidung, Artefakt, Wand- oder Bodenbelag.

MKK

In welchem Zusammenhang stehen Deine Zeichnungen zu den Textilobjekten?

KN

In meiner künstlerischen Arbeit habe ich viele Projekte realisiert, die mit dem Boden arbeiten, sei es Bodenmalereien oder installative Werke aus Holz oder Keramik. Das textile Werk bietet mir nun eine weitere Bild- und Materialform an und führt als autonomes, bodenbezogenes Bildobjekt meine Arbeit weiter.

Wie bei Arbeiten auf Papier hat auch Textil eine Struktur, eine gewebte Form. Aufgebaut aus vielen kleinen Fäden ergibt sich – in Handarbeit- ein Bild. Diese Struktur ist sehr ähnlich meinen eigenen Arbeiten auf Papier, die mit Buntstiften langsam entstehen, also gewissermaßen gewebt werden. Neben dieser Analogie gibt es eine weitere, Papier kann gerollt werden, so auch Textilien. Zeichnen ist auch nah an der Schrift und dem Text…und etymologisch kommt das Wort Textil vom lateinischen “texere”, weben, zusammenfügen. Zeichnen und die Schrift, Text und Textil sind also, auch, sprachlich nah verwandt.

Last but not least ist das textile Element ein räumliches Objekt -wenn auch ein flaches- welches mit und für Räume konzipiert wird. Dabei stelle ich die Textilien nicht selber her, sondern lasse sie nach meinen Angaben extern weben, doch die Konzeption basiert auf meinen Skizzen und Zeichnungen. Beides beeinflusst sich gegenseitig: die Entwicklung der Bildthemen meiner Arbeiten auf Papier sehe ich immer mit den Möglichkeiten zum Weben und Herstellen von großen Textilobjekten, die fast immer als Unikate hergestellt werden.

»Ein Grund, warum ich textile Werke herstelle, ist, dass sie mir die vollkommene Freiheit in der Konzeption, der Größe und der Installation bieten, aber auch, anders als meine Wand- und Bodenmalereien, weiterhin erhalten bleiben. Das textile Element verbindet sowohl Raum, Material und Bild und lässt sich auch installativ gebrauchen, genau, was ich immer suchte.«

 

MKK

Was wäre der ideale Raum, um Deine Kunst zu zeigen?

KN

Ich glaube, der ideale Raum, wäre weiterhin jener, den ich mir selber bauen könnte.
Es gibt in der Geschichte der Kunst viele Künstler*innen, die ideale Räume für die Kunst geplant oder realisiert haben, in den neueren Zeit kommt für mich dabei das Werk und die dazu erstellten Räume von Donald Judd sehr, sehr nah.

MKK

Was bedeutet es für Dich, wenn Du ein temporäres Kunstwerk für einen speziellen Ort erschaffst, das danach wieder zerstört wird?

KN

Gerade bei meinen Wand- und Bodenmalereien sowie Installationen war dies dutzendfach der Fall. Mir bleiben aber immerhin alle Entwürfe und Skizzen, die mir dann sehr viel bedeuten. Es gab einige Projekte bei denen ich es hingegen fast nicht akzeptieren konnte, das Werk nach Ablauf der Ausstellungszeit zu zerstören… einmal wollte ich ein Werk „retten“, indem ich es hinter einer zweiten Wand weiterhin konserviert hätte…aber zu welchem Zweck?

Biografie

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*1967, Zürich (CH)
lebt und arbeitet in Lausanne (CH)
1988 – 1989 Züricher Hochschule der Künste
1990 – 1993 Schule für Gestaltung Basel

www.karimnoureldin.net
Instagram @karim_noureldin

Künstler

Impressum



Museum für Konkrete Kunst
Tränktorstraße 6–8
85049 Ingolstadt
Telefon +49 (0)841/305 1875
E-Mail


Redaktion und Edition
Museum für Konkrete Kunst
Stiftung für Konkrete Kunst
und Design

Direktorin
Dr. Simone Schimpf

Kuratorin
Alexandra Liebherr

Grafische Gestaltung und Umsetzung
Mark Julien Hahn

Texte
Marie-Luise Heske
Alexandra Liebherr
Dr. Simone Schimpf
Willi Trenner
Ann-Kathrin Ziganki

Video
bild-schön medienproduktion
Axel Mölkner-Kappl

Ausstellungsansichten
Hubert P. Klotzeck

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Eintritt
5 Euro, 3 Euro (ermäßigt)
3 Euro Gruppentarif (ab 10 Personen)

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